Geschichte des Monats

Seit September 2008 stellen wir Ihnen hier im monatlichen Wechsel Geschichten, Anekdoten und Erinnerungen rund um den Bahnhof Lette und rund um die Eisenbahn vor.

Schauen Sie gerne wieder herein.

September 2010

Nach über 70 Jahren ans Licht gehoben : Akten vom Alten Bahnhof Lette, Teil VI, letzter Teil

Was alte Eisenbahnakten aus Lette erzählen

Bei Dacharbeiten wurden sie zu Tage gefördert, alte Akten, die seit etwa siebzig Jahren im unzugänglichen Spitzboden des Bahnhofs Lette schlummerten und zustaubten. Sie geben nach ihrer Reinigung und Sichtung Einblicke in das Leben und Treiben am Bahnhof Lette in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, aber auch in die politische und verkehrspolitische Lage.


Die Fahne hoch –mit Geräteanforderungsschein


Die RBD Münster verfügte am 05.11.1938: „Am Mittwoch, dem 09.11.1938, flaggen alle mit Flaggen ausgerüsteten Stellen vollmast“ (zum Gedenken an den Hitlerputsch 1923); am 24.12.1938 hingegen: „Betreff: Beflaggung der Dienstgebäude. Der Neujahrstag zählt künftig nicht mehr zu den Tagen, an denen die Dienstgebäude flaggen.“ Die Signalflaggen mußten ständig zur Hand sein, so das Schreiben des Vorstandes des Reichsbahn-Betriebsamtes Coesfeld vom 20.12.1938: „Betreff: Befristetes Signal Sh 101. Laut Verfügung der RBD vom 22.05.1938 – 39 Bb Baos – muß Signal Sh 101 (Rote Flagge) durch Signal Sh 1 (rotweiße Flagge) bis Ende 1938 ersetzt sein. Wenn diese noch nicht angefordert sind, hat dies sofort mit Geräteanforderungsschein zu geschehen.“ Antwort Bahnhof Lette: „Angefordert mit Zeugverlangszettel Nr.3.“ Durch BA Coesfeld bei der Hauptgerätesammelstelle Osnabrück bestellte der Bahnhof Lette: 1 Signalfahne, 1 Haarbesen, 3 Handtücher, 1 Stempelständer, 1 Stiefelbürste – was man auf einem kleinen Bahnhof halt so brauchte. Der Bahnhof Lette bezog seine Getränke aus anderen Quellen als von der „Gepäckabfertigung Mineralwasserversorgungsstelle Münster“, so die Antwort am 09.11.1938: „Betreff: Mineralwasserversorgung. Wir benötigen folgende Angaben: Wieviel Flaschen im Jahre 1938 erhalten? Lette: Keine. Wieviel leer zurückgesandt? Lette: Keine. Wieviel Geld wurde eingezahlt/ist noch einzuzahlen? Lette: -.“


Gegen eine Ölkrise


Um den wichtigen und nur außerhalb Deutschlands erhältlichen Brennstoff Petroleum einzusparen, gab die Reichsbahndirektion Münster am 02.10.1937 bekannt: „Das RVM (Reichsverkehrsministerium) hat verfügt, daß die jetzt noch in planmäßigem Gebrauch befindlichen, mit Laternenöl gespeisten Laternen im Falle des Abganges durch Karbid- oder elektrische Laternen zu ersetzen sind. Es handelt sich um Ölhandlaternen, Ölsignallaternen (nur bei Ba Oldenburg) und Öl-Wasserstandslaternen, die hiernach unbrauchbar werden, durch Karbidlaternen zu ersetzen sind. Wegen der Aböllampen folgt besondere Anordnung.“ Vermerk Reichsbahn-Betriebsamt Coesfeld vom 07.10.1937: „Abgängige Öl- und Petroleumhandlaternen sind durch Karbidlaternen zu ersetzen.“ Wohl auch aus Petroleumersparnisgründen galt ab dem 30.10.1937: „Betreff: Fahrpreisermäßigung in den Schnelltriebwagen. Die Schnelltriebwagen verkehren vorübergehend als Dampfzüge. Die eingeschränkte Bestimmung der FDt-Züge durch Reisende mit Fahrpreisermäßigung gilt auch für die Ersatz-Dampfzüge. Die Bediensteten sind zu unterweisen.“
Die Reichsbahndirektion Münster mahnte am 06.01.1938 zur Sparsamkeit: „Die Stoffeinkäufe müssen nach wie vor mit der größten Einschränkung vorgenommen werden.“


Vorkehrungen für den Kriegsfall


Für den drohenden Kriegsfall wurde früh vorgesorgt. Die RBD Münster verfügte am 18.10.1938: „Betreff: Ziviler Luftschutz – Schutz der Fensterscheiben gegen Luftstoß von Sprengbomben. Umstehende Verfügung des RVM vom 26.09.1938 zur Kenntnis: Auf Grund neuer Erkenntnisse hat der Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe die nachstehenden Änderungen der bisherigen im Abschnitt V der „Vorläufigen Ortsanweisung“ vorgesehenen Schutzmaßnahmen für Fensterscheiben angeordnet: 1) Die bisher vorgesehenen Maßnahmen zum Schutze der Fensterscheiben gegen den Zerknalluftstoß von Sprengbomben durch Bekleben mit Papierstreifen usw. kommen in Fortfall. 2) Fensterläden, Rolläden, Jalousien usw. werden bei Fliegeralarm geschlossen. 3) Soweit Fensterläden, Rolläden, Jalousien nicht vorhanden sind, werden Fenster bei Fliegeralarm zum Schutze gegen den Zerknalluftstoß von Sprengbomben weit geöffnet und festgestellt. 4) Bei der Durchführung der Schutzmaßnahmen für Fenster ist die Verdunkelungspflicht zu beachten.“


Hochbedarfszeiten


Das Reichsbahn-Verkehrsamt Münster gab am 20.09.1935 folgende Übersicht über die für die Zeit des Hochbedarfs eintretenden Maßnahmen:

 

Anfrage Verkehrsamt Münster:

Angaben des Bahnhof Lette:

 

Diensteinteilung in der Ga

durchgehender Dienst

 

Diensteinteilung auf dem Güterboden

durchgehender Dienst

 

Voraussendung der Begleitpapiere

mit jedem Pz

 

Vermehrte Benachrichtigung der Empfänger von der Ankunft der Güter

Benachrichtigung kann jederzeit erfolgen

 

Zustellung der Benachrichtigungen über den Eingang von Gütern an die Verkehrstreibenden außerhalb der Dienststunden durch einen Avisboten

Die Verkehrstreibenden können sofort durch Boten benachrichtigt werden

 

Vereinbarungen mit der Post wegen Benutzung des Fernsprechers vor oder nach den von der Post festgesetzten Dienststunden

Selbstanschlußbetrieb

 

Ladegeschäft in den Freiladegleisen außerhalb der Dienststunden

Durchgehende Be- und Entladung möglich

 

Anbringung des Aushanges über Hochbedarf

Im hiesigen Warteraum am Schalter

 

Anbringung der roten Beklebezettel auf den Nachrichten an die Empfänger und auf den Frachtbriefen

werden aufgeklebt

 

Der etwaige Ausfall von Stückgutwagen

./.

 

Vermehrte Bedienung der Freiladegleise

Mit jedem Pz

 

Vermehrte Bedienung der Anschlüsse

./.

 

Vermehrte Bedienung der Lagerplätze

Mit jedem Pz

 

Beschleunigte Verwiegung beladener Wagen

Coesfeld oder Dülmen

 

Ladefristenverzeichnis

Anstelle der verlängerten Ladefristen gemäß besonderer Nachweisung treten die tarifmäßigen Ladefristen in Kraft

 

Stellung besonderer Rangierlok

./.

 

Dienst in den Reinigungsanstalten

./.

 

Vermehrte Benutzung von Fremdwagen

werden ausgenutzt

 

Vermehrte Benutzung von Ersatzwagen

werden möglichst gestellt

 

Nachträgliche Bestandsmeldung (Züge angeben, die derartige Wagen anbringen)

eingehende Wagen beim Gz 8316

 

Dienstgutverkehr, tägliche Einsendung der Stillstandsnachweise

bei Überschreitung 6stünd. Ladefrist

 

Etwa besondere örtliche Maßnahmen für Hochbedarf sind hierunter mit fortlaufender Nr. einzutragen

einmal wöchentlich Unterricht übe Hochbedarfsmaßnahmen

Aufgestellt GA Lette. Gez. Der Vorstand des Verkehrsamtes. Geprüft und genehmigt: Betriebsamt Coesfeld, Vorstand des Reichsbahn-Verkehrsamtes.
Vom Vorstand des Reichsbahn-Verkehrsamtes Münster erging am 02.01.1939 der Aufruf zur Anmeldung zum Haushalt 1940: „Zwecks Vorbereitung des Haushalts für 1940 und Gewinnung einer genauen Übersicht über den derzeitigen Stand an Bauvorhaben ist sofort zu prüfen, ob die Anlagen des Verkehrsdienstes – Güterschuppen, Abfertigungsräume, Rampen, Ladestraßen und sonstigen Anlagen - sich in einem einwandfreien und für den Verkehr ausreichenden Zustande befinden. Falls Ausbesserungen und Ergänzungen im laufenden oder kommenden Jahre 1940 unbedingt notwendig oder wünschenswert erscheinen, sind diese Arbeiten genau zu bezeichnen, außerdem eingehend zu begründen.“

 

Suche nach verlorenen Gütern und Schwierigkeiten bei der Zustellung

Die Reichsbahndirektion Münster sorgte sich am 07.12.1938 wegen des Fehlens einer Sprengstoffsendung: „In Wissingen fehlen seit dem 25.11.1938 zu Vb Nr.6 vom 24.11.1938 von Lengerich Stadt TWE zwei Kisten Donarit, Gewicht 64 kg, Abs.: Arthur Tienken, Lengerich, Empf.: Sondermeyer in Heulte, Best.Bahnhof.: Wissingen. Zeichen und Nr.: SVG 259818/19. Außerdem tragen die Kisten die auf den gefährlichen Inhalt hinweisende Bezeichnung (platzende Bombe). Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Sendung in Osnabrück falsch verladen wurde und irgendwo überzählig lagert. Es ist umgehend nach den beiden Kisten zu forschen und beim Vorfinden sind sie der GA Wissingen zuzuleiten.“ Antwort Bahnhof Lette: „Kiste hier nicht überzählig.“ Am 14.12.1938 fehlte erneut eine Sprengstoffsendung: „In Altmorschen fehlt seit dem 14.11.1938 zu Abgb. Nr.13 vom 12.11.1938, gezeichnet 51794, eine Kiste Donarit 2, von Würgendorf, Gewicht 31 kg. Nachforschen und im Vorfindungsfalle absenden.“ Antwort Bahnhof Lette: „Hier nicht überzählig.“ Leider ließ sich nicht weiter verfolgen, ob der Sprengstoff je aufgefunden wurde oder ob jemand damit Attentate verübte.
Gestapo sucht Gummi
Die RBD Frankfurt (Oder) beschrieb am 10.10.1938 den „Verlust einer hochwertigen Sendung“: „Zu Frachtbrief Nr.6 vom 13.05.1938 von Peitz nach Kölleda fehlt eine Kiste, Gewicht 50 kg, Inhalt: ein leerer schwarzer Gummisack, der die ganze Kiste ausfüllt. Die Kiste trug außer der Beschriftung „Cor 563“ noch eine Bezettelung (angenagelter Anhänger) mit der Aufschrift „Bestimmungsbahnhof Kölleda“, die sich jedoch gelöst haben könnte. Alle bisherigen Nachforschungen der beteiligten Stellen nach dem Verbleib der Kiste waren erfolglos. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Kiste evtl. als Leergut irgendwo überzählig lagert oder umherirrt. Auf das Auffinden der Kiste wird der größte Wert gelegt. Auch die Gestapo forscht nach der Sendung. Alle Stellen haben sofort nach der Sendung zu forschen, auch die Streifabteilungen beteiligen sich an den Nachforschungen. Im Auffindungsfalle ist sofort an uns zu berichten.“ Antwort Bahnhof Lette: „Hier keine Kiste vorhanden.“
Die RBD Münster forschte am 21.10.1938 nach schwergewichtigem Gepäck, dessen Inhalt leider nicht beschrieben wurde: „Betreff: Verlust einer hochwertigen Gepäcksendung. In Essen Hbf fehlt zu Gepäckschein 459 von Dover Marine nach Essen Hbf ein Koffer Reisegepäck. Es handelt sich um einen rotbraunen Rohrplattenkoffer im Gewicht von 70 kg. Nach dem Koffer ist eingehend zu forschen.“ Um einen solchen Koffer wegzuschleppen, brauchte es sicher gehörige Kräfte...


Vermißte Tierkäfigdeckel


Die Güterabfertigung Lette meldete am 27.09.1938 das „Fehlen von 2 Deckel zu Tierkäfig ‚Lette‘. Nach Rückkehr unseres Tierkäfigs von dort nach hier fehlten beide Deckel. Die Deckel sind gezeichnet Ga Lette Nr.133. Wir bitten um Nachforschung und Hersendung. Sind die Deckel evtl. in einer Desinfektionsanstalt stehengeblieben?“ Antwort Güterabfertigung Ebernburg: „Tierkäfig Nr.133 wurde hier komplett zum Versand gebracht. Die 2 fehlenden Deckel sind hier nicht zurückgeblieben und sind von uns auch nicht in eine Desinfektionsanstalt geschickt worden.“ Vermerk: „GA Ludwigshafen, Kalk 1, Wanne und Coesfeld werden um Nachforschung gebeten.“ Vermerk vom 23.10.1938: „Die Deckel gingen inzwischen ein.“ Der Begleitschein Nr.6 des Bahnhofs Lette nach Bahnhof Ebernburg beschreibt den Weg über Ludwigshafen, Köln-Kalk Nord 1, Wanne und zurück.


Unbestellbarkeitsmeldung


Am 14.03.1938 ging eine Postkarte von Kleeschulte & Otto Wiese, Nordwalde (Bez. Münster) an Güterabfertigung Lette b. Coesfeld: „Saatkartoffelsendung an Fr. Güttrick, Lette. Güttrick wendet sich heute an uns mit der Bitte, ihm die Sendung frei von Nachnahme auszufolgen. Wir haben uns damit einverstanden erklärt und bitten Sie, den Betrag der Nachnahme in Abrechnung zu bringen. Die Frachtkosten müssen natürlich von G. bezahlt werden. Heil Hitler!“ Am selben Tage erfolgte eine „Unbestellbarkeitsmeldung für den deutschen Verkehr“ von Lette aus an die Güterabfertigung in Nordwalde: „Die am 10.01.1938 von Kleeschulte & Otto Wiese an Friedrich Güttrick in Lette aufgegebene mit Frachtbrief Nr.1 von Nordwalde nach Lette überwiesene Sendung K&W 1-2, 1 Sack Frühknolle 25 kg und 1 Sack Ackersegen 50 kg, konnte bisher nicht abgeliefert werden, weil Empfänger Annahme verweigert, weil nicht bestellt. Auf der Sendung lasten Nachnahme 9,15 RM, Fracht, Nebengebühren 1,00 RM, Summe 10,15 RM. Lagergeld vom 14.03. an für den ersten Tag 0,10 RM, für jeden folgenden Tag 0,15 RM. Wir bitten, die Sendung nochmals – frei von Nachnahme, nur mit der Fracht und den entsprechenden Spesen belastet- anzudienen. Sollte auch jetzt Abnahme nicht erfolgen, bitten wir um Rücksendung nach Nordwalde.“ Am 18.03.1938 verrechnete der Bahnhof Lette 0,60 RM „Gebühr für Ausführung der Anweisung Nr.36“ mit der GA Nordwalde. Damit war die Frachtsache dann endlich erledigt.


Bürsten und Kurzwaren


Alte Postkarten und Briefe geben Auskunft darüber, wer an wen was per Bahn schickte. So die Postkarte von Arthur Messing, Großhandlung in Bürsten und Kurzwagen, Bocholt i.W. an die Güterabfertigung Lette vom 11.05.1938: „Aus Versehen wurden von mir heute 2 Sendungen und zwar A.M. 573 und 574 an den dortigen Bahnspediteur gesandt. Händigen Sie doch bitte beide Sendungen an Fräulein Anna Dirking aus. Ich habe mit gleicher Post auch Frl. Dirking in Kenntnis gesetzt und liefert selbige das Packet an H. Knäbbeler aus. Mit deutschem Gruß! Arthur Messing.“ Vermerk Bahnhof Lette: Erledigt 12.05.1938.
[Originaldokumente im Bestand des Eisenbahnmuseums Alter Bahnhof Lette (Kr Coesfeld)]

Die Geschichte des Monats September 2010 ist hier als PDF-Datei herunterladbar.

Von P. Dr. Daniel Hörnemann

 

August 2010, Teil V, Nach über 70 Jahren ans Licht gehoben: Akten vom Alten Bahnhof Lette

Die Geschichte des Monats August 2010 ist hier als PDF-Datei herunterladbar.

 

Juli 2010, Teil IV, Nach über 70 Jahren ans Licht gehoben: Akten vom Alten Bahnhof Lette

Die Geschichte des Monats Juli 2010 ist hier als PDF-Datei herunterladbar.

 

Juni 2010, Teil III, Nach über 70 Jahren ans Licht gehoben: Akten vom Alten Bahnhof Lette

Die Geschichte des Monats Juni 2010 ist hier als PDF-Datei herunterladbar.

 

Mai 2010, Teil II, Nach über 70 Jahren ans Licht gehoben: Akten vom Alten Bahnhof Lette

Die Geschichte des Monats Mai 2010 ist hier als PDF-Datei herunterladbar.

 

April 2010, Teil I, Nach über 70 Jahren ans Licht gehoben: Akten vom Alten Bahnhof Lette

Die Geschichte des Monats April 2010 ist hier als PDF-Datei herunterladbar.


März 2010

120 Kg Zuckerwaren für Empfangsstation Beuron -
Bahn-Frachtbriefe als Schmierpapier für Theologievorlesungen

Die Geschichte des Monats März 2010 ist hier als PDF-Datei herunterladbar.