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Bahnhof Lette

Eisenbahnmuseum

Gedenkfeier der Eisenbahnerpensionärsvereinigung Coesfeld im Bahnhof Lette


Die Beteiligung der Eisenbahnerpensionäre und ihrer Angehörigen war sehr groß

Aus der Ansprache von Pater Daniel: „Nüchterne Zahlen können den Horror der Kriege nicht wiedergeben. All die Massen an Menschen sind immer die Summe von Einzelschicksalen. Vielleicht erinnern wir uns an ganz bestimmte Menschen aus der Verwandtschaft und dem Bekanntenkreis, die Opfer wurden. Am heutigen Tag sammeln sich viele Menschen guten Willens, egal welchen Geschlechts, welcher Nation und welcher Religion, um für Frieden, Freiheit und Bewahrung unserer Welt einzutreten. Dazu lädt uns dieser Novembersonntag ein, an dem wir der Opfer von damals gedenken, damit es in Zukunft keine mehr geben wird. Ein Tag für Gedenken und Gebet: für die Toten beider Weltkriege, für alle Opfer von Unglücksfällen, für alle Eisenbahner und Pensionäre, mit denen Sie einst lange zusammengearbeitet haben, dafür, daß wir die richtigen Wege finden, den Frieden und die Freiheit für uns und für diese Welt zu sichern.“

Aus kürzlich übermitteilten alten Aufzeichnungen des Letteraner Eisenbahners Felix Wortmann (sie hängen in der neuen Ausstellung) geht hervor:

„Am 21.04.1944 wurde in den Abendstunden die Stadt Hamm mit über 1.000 Bombern angegriffen. Auch hier war drohender Luftangriff gemeldet. Der planmäßig gegen 19 Uhr nach Coesfeld fahrende Personenzug wurde von Bf Coesfeld geweigert. Wegen der drohenden Gefahr wurden die Reisenden aufgefordert, den Zug zu verlassen und die Schutzräume aufzusuchen. Die wenigsten kamen der Aufforderung nach. Gegen 19.30 Uhr erfolgte der erste Tieffliegerangriff. Die Lok wurde getroffen, das Personal und 3 Reisende getötet. Es wurden noch 7 Reisende schwer verletzt, die auch noch gestorben sind. Hilfsbereite Einwohner und Kraftwagenbesitzer sorgten für die Überführung der Verletzten zu den Krankenhäusern in Coesfeld und Dülmen. An den Gleisanlagen waren keine Schäden entstanden. Die Fernsprechleitungen waren gestört, wurden aber in der Stadt wieder hergestellt. Im Oktober 1944 wurde ein Munitionszug durch Tiefflieger angegriffen. Die Lok war sofort unbrauchbar und der Heizer schwer verletzt. Einige Wagen des Zuges flogen sofort in die Luft. In Merfeld war inzwischen ein Personenzug eingelaufen, der natürlich von uns geweigert wurde. Es wurde nur die Lok angefordert, die auch in kürzester Zeit eintraf. Von dem Munitionszug wurden 13 Wagen abgehängt und von der Lok mitgenommen. Von Coesfeld war auch eine Lok eingetroffen, die an der Spitze des Zuges 10 Wagen und die unbrauchbare Lok abhängte und damit nach Coesfeld fuhr. Wären die Wagen nicht von uns weggeschafft, so wäre das Dienstgebäude, die Dienstwohnung und unsere Privathäuser zerstört worden. Die Ausfahrsignale, Gleis 1+2 am nördlichen Ende des Bahnhofs waren vollständig zerstört. Durch die Unterstützung von Arbeitsdienst und Wehrmacht war bis zum nächsten Abend ein Gleis wieder befahrbar. In der nächsten Zeit wechselten sich Tieffliegerangriffe und Bombenabwürfe ab. Es wurden noch öfter größere Schäden angerichtet, die aber immer schnell wieder behoben waren. Einige Tage, bevor die fremden Truppen eintrafen, wurde hier noch ein beladener Wehrmachtszug abgestellt und teilweise entladen. Auf unsere Anordnung wurde der Zug auf die freie Strecke geschoben. Dort wurde der Zug noch von feindlichen Fliegern bombardiert und das Gleis schwer beschädigt. Wäre dieser Zug im Bahnhof stehengeblieben, so wären vielleicht die Bahnhofsanlagen und Dienstgebäude zerstört worden. In letzter Zeit waren uns noch Eisenbahner aus Süddeutschland zu unserer Unterstützung zugeteilt. Diese Bediensteten haben treu und brav bis zur letzten Stunde ihre Pflicht getan.“

Bei dem Fliegerangriff vom 24. Oktober 1944 wurde der 46jährige Lokheizer Franz Anton Wollmann aus Dortmund durch Bordwaffenbeschuß tödlich getroffen. Er wurde am 28.11.1897 in Budzin, ehem. Schlesien, geboren und ruht heute auf der Kriegsgräberstätte in Dortmund-Hauptfriedhof. Endgrablage: Block 151 Grab 358.

Die Liste der Kriegsopfer aus Lette und Coesfeld wird somit immer noch länger. Sie umfaßt nun 147 Kriegsopfer, davon sind 61 im Ersten Weltkrieg und 86 im Zweiten Weltkrieg gefallen.

Jahrzehntelang wußte die Familie Stafleu aus den Niederlanden nichts vom Schicksal ihres Angehörigen.  Cornelis Stafleu (541 KB) aus Noordwijk schrieb nach Hause, daß er im November 1944 aus Rotterdam nach Deutschland verschleppt wurde. Wo er in Coesfeld lebte, ging nicht aus der Korrespondenz hervor. Beim Bahnbetriebswerk Coesfeld (Westf) war er dienstverpflichtet und wurde im Eisenbahndienst durch einen alliierten Bombenangriff getötet. Seine Briefe klangen sehr optimistisch, anscheinend hatte er es gut in Coesfeld, litt keinen Hunger, sehnte sich jedoch nach seiner Familie und fand es furchtbar, sich nicht um die Familie kümmern zu können, da er um den Hunger in Rotterdam wußte. Er war überzeugt, bald nach Hause zu kommen. Seine Frau schrieb noch im Mai 1945 einen verzweifelten Brief, sie sah nämlich viele Männer zurückkehren, ihr Mann war jedoch nicht dabei. Im Jahre 2007 konnte sein Schicksal endlich geklärt werden. Sein Grab auf dem Coesfelder Lambertifriedhof war gefunden. „Eine Suche ist zu Ende“, atmete seine Tochter Margriet Stafleu auf, „ich weiß endlich, wo mein Vater begraben liegt!“ Zugleich sei ihre Erfahrung eine Ermutigung für alle, die noch mit einem ungeklärten Schicksal leben müssen, nicht aufzugeben.

Jahre später meldete sich im Anfang 2016 Robert Jelmer Siersema aus Rotterdam bei Margriet Ten Hove-Stafleu. Er war noch immer auf der Suche nach dem Verbleib seines Vaters, des Lehrers Johannes Albertus Siersema. Er hatte von der Auffindung des Grabes von C. Stafleu erfahren und erhoffte ebenfalls weitere Aufklärung. Seine Schwester Else Gijsbertha Siersema und er waren nun überrascht über meine Nachricht, daß das Grab seines Vaters noch immer auf dem Coesfelder Lambertifriedhof erhalten ist. Bei der größten Razzia der deutschen Besatzungsmacht in den Niederlanden während des Zweiten Weltkriegs wurden in Rotterdam am 10. und 11. November 1944 etwa 52.000 von 70.000 Männern zwischen 17 und 40 Jahren gefangengenommen und nach Deutschland zur Zwangsarbeit transportiert. Dazu gehörten Stafleu und Siersema, die beide nach Coesfeld gelangten und um deren Grabstätten nun beide Familien endlich wissen. Siersema war dienstverpflichtet im Coesfelder Bahnhof. „Mein Vater ist im Krieg auf Rangierlokomotiven eingesetzt gewesen. Nach meiner Meinung war er der Deutschen Reichsbahn zugeteilt. Meine Mutter hat später bekommen eine Art Rentenzahlung der Deutschen Bundesbahn bekommen. Dies ist im Grunde alles, was ich weiß“, so der Sohn. Leider war der Name auf Siersemas Grab völlig falsch geschrieben „Johannes Sievsens“, was ein Auffinden erschwerte. Inzwischen ist das mit Hilfe der Stadt Coesfeld berichtigt worden. Nach seinem Tod beim Fliegerangriff auf den Bahnhof Coesfeld am 19.03.1945 hinterließ Jo Siersema seine Frau Catharina Ridderhof (*04.07.1916 in Rotterdam, Fußpflegerin, + 14.11.2000 in Rotterdam, Trauung 24.04.1940 in Rotterdam) und seine beiden kleinen Kinder:
Robert Jelmer (Rob) Siersema, *10.08.1941 in Rotterdam; 2. Else Gijsbertha (Els) Siersema, *15.06.1943 in Rotterdam.

Zum ersten Male waren am Volkstrauertag im Bahnhof Lette der Sohn von Johannes Albertus (Jo) Siersema und seine Frau Els aus Rotterdam zu Gast. Erst seit Februar 2016 haben wir Kontakt und ich konnte dem Sohn nach 71 Jahren nunmehr mitteilen, daß sein Vater auf dem Coesfelder Lambertifriedhof begraben liegt. Johannes Albertus SIERSEMA wurde nur 31 Jahre alt. Beim Gedenkgottesdienst waren sie sehr berührt, daß das Photo des Vaters im Bahnhof aufgestellt war.

Am Ehrenmal: Ehepaar Siersema, Karl-Heinz Renners (EPV) und Pater Daniel


Johannes Albertus Siersema
*22.01.1914 in Rotterdam, Südholland, Lehrer
Dienstverpflichtet im Rangierdienst seit 10./11.11.1944
†19.03.1945 in Coesfeld bei Fliegerangriff, Lambertifriedhof Grab 42

In langjähriger Recherche konnte ich nunmehr über 147 Schicksale der Coesfelder Eisenbahner klären, die den beiden Weltkriegen zum Opfer fielen. Die Nachfahren des vermißten Lokheizers August Brünnemann waren ebenfalls dankbar über Hinweise zu seinem Geschick.

Brünnemann war Lokomotivheizer beim Bahnbetriebswerk Coesfeld und wurde von dort zum 473. Ersatz-Grenadier-Bataillon eingezogen. Jahrzehntelang galt er als vermißt. Auf erneute Nachfrage beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes erhielt die Familie im Februar 2016 Nachricht, daß Brünnemann mit einem Truppentransport noch aus dem Kurland-Kessel herausgelangen sollte. Das Schiff „Eifel“ wurde allerdings wenige Kilometer vor Libau an der lettischen Ostseeküste versenkt. Dabei kam er zu Tode. Bei diesem russischen Bombenangriff ging der KM-Transporter Eifel (1429 BRT) mit 923 Soldaten an Bord unter. Nur 138 Menschen konnten gerettet werden. Laut Volksbund Kriegsgräberfürsorge sind im Gedenkbuch des Friedhofes Neumark / Stare Czarnowo Brünnemanns Name und persönliche Daten verzeichnet.


Auch Jahrzehnte nach den Weltkriegen bewegen Einzelschicksale noch immer die betroffenen Familien. Vor allem die Ungewißheit bei Vermißten und Verschollenen bleibt quälend. Doch weiterhin lassen sich Mosaiksteine und manchmal sogar eine Grabstätte finden.

August Brünnemann
Lokheizer beim Bw Coesfeld (Westf)
*26.08.1913-†17.02.1945

Das Grab von Johannes Albertus Siersema auf dem Coesfelder Lambertifriedhof

Das Eisenbahner-Ehrenmal am Volkstrauertag 2016

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